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praxisbeispiel
15/12/2020

4-Augen Gespräch mit AfB - Social & Green IT

Christophe Funk

Ein Interview zwischen dem Geschäftsführer von AfB – Daniel Büchle und M3TRIX Junior Consultant Christophe Funk.

1. Immer mehr Unternehmen leiten eine nachhaltige Unternehmenstransformation ein: Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen?

Unser Name „AfB – social & green IT“ zeigt schon, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit Dreh- und Angelpunkt unseres unternehmerischen Handelns sind. Schließlich bietet unser IT-Unternehmen AfB GmbH mit dem Refurbishment von Kommunikationselektronik eine sehr ökologische Lösung für den Umgang mit gebrauchter Firmenhardware an. Zudem sind wir ein anerkanntes Inklusionsunternehmen. An 19 Standorten in Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweiz und der Slowakei arbeiten 470 MitarbeiterInnen, davon 45% mit Behinderung. Daher auch der Name „AfB“: Arbeit für Menschen mit Behinderung.

Unsere IT-Dienstleistung umfasst in erster Linie die zertifizierte Datenlöschung und das Refurbishing gebrauchter Firmenhardware. Funktionsfähige IT- und Mobilgeräte wie Geschäftshandys, -laptops und Monitore werden bei uns nicht entsorgt, sondern unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen gelöscht, aufbereitet und wiedervermarktet, deutlich günstiger als Neuware aber trotzdem mit mindestens 12 Monaten Garantie. Die verlängerte Nutzungsdauer der Geräte ist ökologisch sehr wertvoll, da sie Rohstoffabbau reduziert, Elektroschrott verringert und Treibhausgasemissionen einspart. Nicht mehr zum Verkauf geeignete Geräte werden fachgerecht in ihre Einzelteile zerlegt, für die Ersatzteilgewinnung verwendet oder an zertifizierte Recyclingbetriebe zur Rohstoffrückgewinnung weitergegeben. Schrottexporte in den Globalen Süden werden ausgeschlossen.

 

2. Das Gegensatzdenken zwischen Profitabilität und Nachhaltigkeit ist in vielen Unternehmen noch vorherrschend. Es scheint als ob Sie in Ihrem Unternehmen diese beiden Pole integriert haben und sich als gegenseitig stärkend verstehen. Wie haben Sie diesen wichtigen Meilenstein erreicht?

Unser Ziel ist nicht maximale Wirtschaftlichkeit, sondern ein gesundes Wachstum, das vor allem auf die Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung abzielt. Bis 2025 wollen wir 700 Arbeitsplätze geschaffen haben, 300 davon für Menschen mit Behinderung.

Entsprechend unserer Gemeinnützigkeit reinvestieren wir daher Überschüsse in den Ausbau von inklusiven Arbeitsplätzen.  

Einen wichtigen Anteil an unserem funktionierenden nachhaltigen Geschäftsmodell haben natürlich unsere über 1.000 Partnerunternehmen, darunter sind zum Beispiel Siemens, Otto und Bertrandt. Denn um nicht mehr benötigte Handys, PCs und Laptops einem geschlossenen IT-Kreislauf zuführen zu können, bedarf es zunächst eines Partners, der die gebrauchte Firmenhardware an uns als IT-Refurbisher übergibt. Datensicherheit hat dabei natürlich oberste Priorität, denn die Geräte enthalten bei ihrer Abgabe sensible Daten. AfB garantiert daher den zuverlässigen Datenvernichtungsprozess und bedient alle relevanten Gesetze und Sicherheitsstufen. Verwendet wird dafür die zertifizierteLösch-Software Blancco. AfB ist zudem vom TÜV-Süd ISO-zertifiziert und bereits seit 2012 als „Microsoft Authorized Refurbisher“ ausgezeichnet.

3. Denken Sie, dass gesteigerte Nachhaltigkeit die IT-Branche langfristig ändern wird?

Natürlich kann ich nicht in die Glaskugel sehen, aber da die öffentliche Wahrnehmung immer sensibler mit dem Thema Nachhaltigkeit umgeht und gerade junge Menschen – also intensive Nutzer von Smartphones, Laptops und Tablets – ihren eigenen Lebensstil dahingehend hinterfragen, ist es durchaus vorstellbar, dass der Markt des IT-Refurbishments in den kommenden Jahren noch mehr Aufschwung erlebt.  

Schon seit einigen Jahren gibt es ja eine große Bewegung hin zur Green IT, also das Bestreben, durch digitale Lösungen die Welt der Informations- und Kommunikationstechnologien möglichst ressourcensparend und energieeffizient zu gestalten. Das ist auch dringend nötig, denn der negative Fußabdruck dieser Branche ist beachtlich: Eine Studie des französischen „The Shift Project“ prognostiziert, dass die Emissionen der Digitalwirtschaft bis 2025 sogar 8 % am Gesamt CO2-Ausstoß ausmachen könnten.

4. Sie haben vor einigen Wochen den Sustainability Heroes Award in der Kategorie Circular Economy gewonnen. Welche Vorteile sehen Sie für nachhaltige Geschäftsmodelle?

Wir freuen uns sehr über den Sustainability Heroes Award, denn dieser unterstreicht unser Leitmotiv von „Take – Make  – Use – Reuse“. Der Normalfall ist heute leider immer noch das Prinzip von „Take – Use – Waste“. Mit unserem IT-Refurbishing machen wir aus dieser Einbahnstraße eine Kreislaufwirtschaft. Der Vorteil dieses Systems liegt natürlich vor allem in der dadurch verlängerten Nutzungsdauer der Geräte. Hardware, die bei Unternehmen nach ca. vier bis fünf Jahren ausgetauscht wird, kann durch gutes Refurbishment nochmals drei bis vier Jahre oder sogar länger im privaten Bereich oder bei Schulen eingesetzt werden. Mehr als zwei Drittel der bearbeiteten Hardware kann nach Datenlöschung und Aufbereitung von uns wiedervermarktet werden.

Indem Neuproduktionen vermieden werden, können Ressourcen geschont und CO2-Ausstoß reduziert werden. Tatsächlich ist der anteilige CO2-Ausstoß für die Neuproduktion von Kommunikationselektronik höher als die Umweltbelastung, die durch deren Energieverbrauch über die gesamte Nutzungsphase hinweg entsteht.

Dank einer von uns beauftragten Studie können wir sogar nachvollziehen, wie hoch der konkrete ökologische Beitrag unserer Arbeit ist: In den vergangenen 15 Jahren konnten wir zum Beispiel 87.270 Tonnen CO2-Äquivalente einsparen. Dies entspricht 26.500 Flugreisen von Berlin nach New York und zurück. Außerdem wurden 132.100 Tonnen Metalle und Mineralien sowie 281.450 Megawattstunden Energie im Vergleich zur Neuproduktion eingespart.

Natürlich kann aber nicht jedes Gerät, das wir erhalten auch tatsächlich wiedervermarktet werden, zum Beispiel aufgrund seines Alters. Diese Hardware wird bei uns im Haus zerlegt und idealerweise für die Ersatzteilgewinnung verwendet. Wenn auch das nicht möglich ist, geben wir das Material an zertifizierte Recyclingbetriebe weiter. Dieser Umgang mit gebrauchter IT ist leider keine Selbstverständlichkeit: Eine Studie der Vereinten Nationen zeigt, dass lediglich 20% aller Elektrogeräte weltweit formal ordentlich gesammelt und recycelt werden. Nicht fachgerechtes Recycling kontaminiert die Umwelt und ist gleichzeitig mit einem hohen Verlust an wertvollen Ressourcen verbunden, wie z. B. Kupfer, Silber, Gold, Palladium und Kobalt.

5. Hat die aktuelle Corona-Krise Auswirkungen auf Ihr Geschäftsmodell?

Tatsächlich mussten und müssen wir immer noch einen Spagat bewältigen zwischen reduzierten Gebrauchtgeräterückgaben unserer Partnerfirmen und einer gesteigerten Nachfrage der Kunden.

In der ersten Corona-Welle behielten einige Partnerunternehmen ihre eigentlich schon bei uns angemeldete Hardware doch noch, da man nicht wusste, wann und ob überhaupt IT-Nachschub aus Asien kommen würde. Oder die bereits ausgemusterten Notebooks wurden wieder aus dem Keller geholt, um sie den Mitarbeitern für das Homeoffice zur Verfügung zu stellen. Zudem machte sich natürlich auch eine finanzielle Unsicherheit breit, woraufhin Rollouts verschoben wurden. Darüber hinaus kam noch das Personalproblem hinzu: Wenn (zwecks Kontaktreduzierungen) kein IT-Service vor Ort ist, um alte Geräte ab- und Neuware aufzubauen, konnten wir natürlich auch keine Abholung durchführen.

Andererseits stieg die Nachfrage nach hochwertigen, aber gleichzeitig preiswerten Notebooks und Tablets gerade im AfB-Onlineshop enorm: Schüler benötigten auf einmal eine Ausstattung für das Homeschooling, viele Unternehmen, Versicherungen, Ministerien stockten kurzfristig ihren Bestand an Homeoffice-Geräten auf und Großeltern öffneten sich dem Telefonieren per Video, um mit den Kindern und Enkeln in Verbindung zu bleiben. Zum Glück hatten wir noch einen relativ hohen Lagerbestand, der uns über die ersten Monate versorgte.

In der zweiten Welle ist die Lage nicht mehr ganz so drastisch, da sie nicht so überraschend kam. Aber dennoch ist gerade die Ausstattung von Schülern ein großes Thema, das wir auch verstärkt unterstützen: Mit der Initiative „Mobiles Lernen“ bieten wir ein Mietmodell für Notebook- oder Tablet-Klassen, einen Bildungsfonds für einkommensschwache Familien und Sonderkonditionen für den Kauf bei uns an – niemand sollte den Anschluss aufgrund von fehlender Technik verlieren.

6. Die AfB Group ist ein Inklusionsunternehmen. Was bedeutet das konkret? Beziehungsweise wie kam die Idee auf diesen Weg zu gehen?

Inklusionsunternehmen verpflichten sich zwischen 30% und 50% ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen – bei AfB sind es aktuell 45% von 470 Mitarbeitern. Auf diese Weise verwirklichen sie inklusive und gleichberechtigte Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt.

Bereits 2004 stellte sich AfB-Gründer Paul Cvilak die Frage, wie man die Nutzungsdauer von Business-IT erweitern und gleichzeitig sinnvolle Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung schaffen kann. Über seine Leasingfirma bekam er häufig gebrauchte Hardware zurück, die verarbeitet werden musste. Gegenüber der Leasingfirma lag eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM), in der vor allem Kugelschreiber zusammengeschraubt wurden. Gemeinsam mit der Werkstattleitung entwickelte Paul Cvilak ein Testszenario, damit Menschen ohne IT-Erfahrung die komplexen Arbeitsschritte durchführen können - mit Erfolg. Die unterschiedlichen Aufgabenbereiche des IT-Refurbishings bieten vielfältige Möglichkeiten, um die Potenziale von Menschen mit verschiedenen Krankheitsbildern zur Entfaltung zu bringen. Nach einem erfolgreichen Test gründete Paul Cvilak daher 2004 die AfB „Arbeit für Menschen mit Behinderung“ gGmbH. Langfristiges Ziel ist die europaweite Schaffung von 500 Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung.

7. Unternehmen stehen vor erheblichen Veränderungen. Denken Sie 10 Jahre in die Zukunft, wie sieht Ihre Wunschvorstellung von Wirtschaft und Gesellschaft aus?

Ich bin der Meinung, dass ökologisches und soziales Handeln einen deutlich höheren Stellenwert in der Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen werden. Die Tendenz geht ja immer mehr dahin, dass uns die Folgen von rein preisorientiertem Handeln bewusster werden und Nachhaltigkeitskriterien einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen. Nachhaltigkeit ist dann nicht mehr ein schönes „Extra“, sondern – wie zum Beispiel das Lieferkettengesetz oder die CO2-Steuer zeigen – eine gesetzliche Vorgabe. Diese Entwicklung wird vermutlich auch Auswirkungen auf die Preisbildung haben.

Wenn ich an die Zukunft unseres Unternehmens AfB denke, so hoffe ich doch sehr, dass wir nach wie vor Europas größtes gemeinnütziges IT-Unternehmen sind und wir bis dahin das Ziel von 500 Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung erreicht haben. Dass die öffentliche Wahrnehmung in Bezug auf refurbished IT so positiv und die Resonanz der Partnerunternehmen so groß ist, dass unser Geschäftsmodell von „social & green IT“ nicht nur erhalten, sondern sich sogar noch optimieren kann. Denn nur durch das Zusammenspiel aus Partnerunternehmen, die Geräte abgegeben, und Kunden, die die aufbereiteten Geräte kaufen, können wir Arbeitsplätze sichern und weitere schaffen.

 

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