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22/02/2021

Ein 6-Augen Gespräch mit Christoph Bals von Germanwatch

Prof. René Schmidpeter
Patrick Bungard

„Es geht jetzt um den Umbau von Geschäftsmodellen“

Die Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen verändert die Logik in der Wirtschaft – hofft Christoph Bals von der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch

 

Wir stehen an existenziellen Scheidewegen: Wird es gelingen, die Erderwärmung rechtzeitig zu bremsen? Können die Klimaziele von Paris noch erreicht werden? Es gibt sicher keine einfachen Antworten auf diese Fragen, eines ist jedoch sicher: Ohne erhebliche Veränderungen in den globalen Wirtschaftssystemen und ein enges Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft werden keine ausreichendende Lösungen für die Klimakrise gefunden und umgesetzt werden können.

In seinen unterschiedlichen Funktionen, unter anderem als politischer Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch, Mitglied des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung und in einer Reihe von Steuerungs- und Beratungsgremien, befindet sich Christoph Bals im Mittelpunkt des Sektorendreiecks von Wirtschaft, Politik und dem Nonprofitsektor.

Patrick Bungard: **Im Kontext der globalen Klimakrise: Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit der drei oben genannten Sektoren?

Christoph Bals: Zentral ist, dass die Politik vor allem in den G20-Staaten nun die zügige Umsetzung von Treibhausgasneutralität beschließt. Wenn die USA, China, die EU und andere Länder wie Südafrika und Japan jetzt nicht nur solche Ziele setzen, sondern sie auch umsetzen, verändert das die Logik in der Wirtschaft. Es ist dann nicht mehr sinnvoll zu bremsen, damit die anderen keine Wettbewerbsvorteile haben. Sondern es geht dann darum, im internationalen Rennen hin zu null Emissionen die Nase vorne zu haben. Und die Zivilgesellschaft muss den Druck erzeugen, damit die Beschleunigung so stark ist, dass die Klimaziele von Paris noch erreicht werden. Der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung mit Vertretern und Vertreterinnen aus allen Bereichen der Gesellschaft ist hier ein gutes Beispiel. Selbstverständlich gibt es Meinungsverschiedenheiten. Aber es gibt viele Akteure dabei, die einen doppelten Realismus anstreben: Passt es zur Realität der Ziele von Paris und den globalen Nachhaltigkeitszielen? Und lässt es sich realistisch für Real- und Finanzwirtschaft umsetzen?

Bungard: **Was würden Sie sich konkret von der Politik, der Wirtschaft und von zivilgesellschaftlichen Organisationen wünschen, um die Zusammenarbeit zu verbessern?

Bals: Die Politik muss klare, verbindliche, kurz- und langfristig wirksame Ziele setzen und dafür sorgen, dass die Preise die „ökologische und soziale Wahrheit“ sagen. Die Wirtschaft muss ihr Geschäftsmodell so transformieren, dass sie Zukunft gestaltet und nicht zerstört – in dem von der Politik gesetzten Rahmen. Und die Zivilgesellschaft muss den Druck entfalten, dass da, wo grün draufsteht auch grün drin ist. Dass nicht weiter Zeit vertrödelt wird. Dass gerade auch die ärmere Hälfte der Bevölkerung – weltweit und in Deutschland – bei dieser Transformation neue Perspektiven erhält.

Bungard: **Sie sind Mitglied im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung. Was sind die Aufgaben und Ziele dieses Beirats?

Bals: Der Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung hat beschlossen, dass Deutschland führender Sustainable- Finance-Standort werden soll. Bisher ist Deutschland weit davon entfernt. Den Wandel vom Nachzügler zum Vorreiter soll der Beirat durch die Ausarbeitung einer deutschen Sustainable-Finance-Strategie in Form von Handlungsempfehlungen und durch Beratung der Bundesregierung in nationalen und europäischen Prozessen unterstützen. Im Februar soll der Abschlussbericht publiziert werden. Noch liegen die entscheidenden Abschlussberatungen mit Vertretern und Vertreterinnen aus Wirtschaft, Finanzwesen und Zivilgesellschaft sowie Wissenschaft vor uns.

René Schmidpeter: **Globale Player der Investment-Community wie beispielsweise Blackrock-CEO Larry Fink äußern öffentlich, dass Nachhaltigkeit in naher Zukunft ein Hauptkriterium bei Unternehmensbewertungen darstellen wird. Glauben Sie, dass diesen Ankündigungen Taten folgen werden?

Bals: Zunächst mal sendet eine solche Kommunikation eines Akteurs von der Größe Blackrocks ein wichtiges Signal an Unternehmen: Selbst der denkt um oder macht zumindest den Eindruck. Aber Blackrock ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass zwischen schönen Worten und der nachhaltigen Steuerung von Finanzflüssen eine große Lücke klaffen kann. Dennoch wird immer deutlicher: Wer nicht nachhaltig handelt, gerät im internationalen Wettbewerb zunehmend in den Nachteil und geht Reputationsrisiken ein.

Es passieren immer mehr positive Taten, aber es reicht ganz klar noch nicht, um die Klimaziele weltweit zu erreichen. Die G20 muss hier jetzt – mit einer neuen US-Regierung – ein Signal der Umsetzung senden. Die Zivilgesellschaft muss auf die Straße oder – wo nötig – auch auf die Bäume gehen, damit Staaten und Unternehmen kein Greenwashing betreiben. Es ist wichtig, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ endlich einheitlich definiert wird. Mit der EU-Taxonomie ent- steht gerade ein Instrument, das bei Investitionen die Spreu vom Weizen trennen kann. Ein Meilenstein, wenn diese etwa für die grünen Recovery-Pakete eingesetzt würden. Damit nachhaltig ist, was nachhaltig heißt.

Schmidpeter: **Welche konkrete Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Thema Sustainable Finance im Kampf gegen den Klimawandel?

Bals: Es ist eins der drei zentralen Ziele des Pariser Klimaabkommens, dass die Finanzströme weltweit so umgeschichtet werden, dass die Ziele für Klimaschutz und Resilienz erreicht werden können. Die EU und immer mehr Staaten weltweit haben beschlossen, dass Treibhausgasneutralität bis 2050 oder früher umgesetzt werden soll. Für die Wirtschaft bedeutet das Herausforderung und Chance – genau das, wonach echte Unternehmer und Unternehmerinnen suchen. Die notwendige Transformation bedarf enormer Investitionen. Der Finanzsektor kann die Investitionen der Realwirtschaft nicht einfach steuern, aber er hat eine enorme Hebelwirkung, wenn die Politik den geeigneten Rahmen setzt.

Das goldene Dreieck der Transformation besteht erstens aus verbindlichen kurz- und mittelfristigen Emissionszielen, zweitens einem verlässlichen und lenkungswirksamen CO2-Preis beziehungsweise finanziellen Anreizen und drittens aus der transparenten, zukunftsorientieren Unternehmensberichterstattung bezüglich Klimarisiken und Schäden. Diese dreifache Rahmensetzung erlaubt dem Finanzsektor, das Geld für und nicht gegen die notwendige Transformation zu investieren. Letztlich wird so nicht nur die für das Klima notwendige Transformation vorangetrieben. Sustainable Finance sichert damit langfristig auch die Finanzmarktstabilität, weil enorme physikalische, Transformations- und Klagerisiken vermieden werden.

Schmidpeter: **Aus der auf Seite 57 in diesem Magazin vorgestellten Studie geht hervor, dass der Klimawandel eine immer wichtigere Rolle im Risikomanagement von Unternehmen spielt. Was bedeuten diese Entwicklungen Ihrer Einschätzung nach für die Arbeitsausrichtung von Wirtschaftsprüfern und Aufsichtsräten von Unternehmen?

Bals: Bisher berichten Unternehmen und Finanzmarkt im Jahres- oder Vierteljahrestakt. Bei den heute getätigten Investitionen werden damit längerfristige Risiken durch Wetterextreme, Entwertung noch nicht abgeschriebener Investitionen oder Klimaklagen systematisch ausgeblendet. Nun aber zeichnet sich ab, dass die zukunftsgerichtete Berichterstattung zu Klimarisiken zu einer Standardkomponente des Risikomanagements wird. Die Tragödie des kurzfristigen Horizonts könnte damit überwunden werden. Berichtspflichten im Lagebericht, Stresstests für die Strategie der Unternehmen und entsprechende Sorgfaltspflichten können den Finanzmarkt von einem strukturellen Hemmnis für die notwendige Transformation zu einem Treiber machen. Dabei geht es auch nicht mehr nur darum, wie die Umwelt auf die Unternehmen wirkt, sondern auch darum wie die Unternehmen auf den Klimawandel wirken. Die sogenannte doppelte Materialität. Unternehmen werden zukünftig in einer ganz neuen Verantwortung stehen – gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch der eigenen Mitarbeiterschaft. Wer Klimarisiken nicht betrachtet und systematisch angeht, setzt sich großen wirtschaftlichen und Reputationsrisiken aus. In ihrer Kontrollfunktion sollten Aufsichtsräte maßgeblich in der Verantwortung stehen, Geschäftsmodelle und Strategien nachhaltig und resilient zu machen.

Schmidpeter: **Akademische Studien zeigen eindeutig, dass nachhaltige Unternehmen einen höheren risikoadjustierten Return für Investoren aufweisen. Warum werden nachhaltiges Wirtschaften und Profit dennoch öffentlich weiterhin häufig als Gegensatz dargestellt? Welche Interessen verbergen sich in diesem Gegensatz-Denken?

Bals: Es geht in der jetzigen Phase um eine grundlegende Transformation, um den Umbau von Geschäftsmodellen, etwa der Auto-, der Chemie- oder der Stahlindustrie. Nicht mehr um die kleinen Schritte des sogenannten nachhaltigen Wirtschaftens der Vergangenheit. Deshalb gilt es, jetzt schon genau hinzuschauen: An Meilensteinen orientiert, muss verglichen werden, ob etwa das eine Unternehmen des Ölsektors, anders als das andere Ölunternehmen, das bislang ein ähnliches Geschäftsmodell hatte, wirklich zügig aus den fossilen Brennstoffen aussteigt und ein glaubwürdiges neues Geschäftsmodell entwickelt. Erfreulicherweise sehen immer mehr Investoren, dass sie ihr Geld verbrennen, wenn sie nicht auf die notwendige Transformation, die weltweit in Bewegung kommt, setzen. Aber trotz der positiven Tendenzen – es bedarf noch einer erheblichen Beschleunigung.

Immer klarer ist: Wer seine Geschäfte gut führt, der hat Risiken im Griff, der setzt auf Nachhaltigkeit. Aber machen wir uns nichts vor: Viel von dem Widerstand, der uns etwa in den USA, in Brasilien oder in Australien ins Gesicht bläst, ist finanziert von Unternehmen der fossilen oder Agrarindustrie, die mit ihrem kurzfristig orientierten Geschäftsmodell unsere Zukunftschancen zerstören. Und die finden auch noch Investoren.

Bungard: Als politischer Geschäftsführer von Germanwatch sind Sie mit den Arbeitsweisen und strategischen Ausrichtungen von Nichtregierungsorganisationen sehr vertraut. Sie sprachen in einer unserer letzten Unterhaltungen davon, dass Sie NGOs als wichtiges Frühwarnsystem für Unternehmen ansehen. Was genau meinen Sie damit?

Bals: Lebendige NGOs und soziale Bewegungen sind sowohl für die Gesellschaft insgesamt als auch für die Wirtschaft ein Frühwarnsystem. Wir haben durch unsere Mitglieder und Partner weltweit ein sehr sensibles Gespür dafür, wo Menschenrechtsprobleme, wo ökologische Probleme hochkochen. Greta Thunberg ist derzeit ein tolles Beispiel dafür. Sie sagt: Eine Krise sollten wir als eine Krise behandeln. Und immer mehr junge Menschen und dann auch Entscheidungsträger verstehen allmählich. Sie hat recht. Wenn wir jetzt, wo wir das Holozän als den stabilen Klimarahmen der vergangenen 11.000 Jahre verlassen haben, nicht endlich handeln, verspielen wir die Zukunftschancen dieser Zivilisation.

Bungard: **Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 2050. Der Weltgemeinschaft ist es gelungen, die Erderwärmung ausreichend zu begrenzen. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erfolgsfaktoren?

Bals: Erstens eine quicklebendige Zivilgesellschaft. Fridays for Future hat hier einen neuen Schwung entfacht. Aber die jungen Menschen stehen auf den Schultern von zwei Generationen engagierter Menschen. Zweitens: eine Koordinierung der Erwartungen und Rahmensetzungen durch die Politik. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 ist erstmalig ein verbindliches Abkommen aller Staaten zur Begrenzung der Erderwärmung. Es hat mit dem 1,5-Grad-Limit eine Messlatte gesetzt, an der nun alle Staaten, Unternehmen und Finanzakteure gemessen werden. Und wir sehen, dass nun tatsächlich das weltweite Rennen begonnen hat, bis spätestens 2050 treibhausgasneutral zu sein. Raus aus Kohle, Öl, Gas und einer industriellen Tierhaltung. Drittens entstand so der Raum für neue Geschäftsmodelle und Lebensstile. Plötzlich schießen autofreie Stadtviertel in Kopenhagen, Paris oder Berlin aus dem Boden. Viertens wurden die neuen Technologien – Wind- und Sonnenkraft, Batterien, Elektroautos, Passivhäuser, Isolierfenster und so weiter durch die große Nachfrage immer kostengünstiger und zerstören das Geschäftsmodell ihrer Vorgänger. Die international vernetzte, aber lokal agierende Klimabewegung rückte also spätestens seit 2019 die Klimakrise endgültig in die Mitte der Gesellschaft. Anders als Jahre zuvor bei Finanz-, Euro- und Migrationskrise verdrängte die globale Pandemie 2020 die Klimakrise nicht ins zweite Glied. In diesen gesellschaftlich fluiden Zeiten erreichten wir dann – durch das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Wissenschaft, Politik, neuen Geschäfts- und Finanzierungsmodellen sowie neuen Technologien und Lebensformen – einen gesellschaftlichen Kipppunkt, den viele nicht mehr für möglich gehalten haben.

Ja, 2020 und 2021 befinden wir uns endgültig am Scheideweg. Zielsetzungen auf nationaler und subnationaler Ebene wie auch von Finanzmarkt- und Realwirtschaftsakteuren nähern sich den Zielen des Pariser Abkommens an. Die größten Summen in der jüngeren Geschichte fließen in coronabedingte Konjunkturprogramme – noch ist unklar, wie grün sie in der EU und weltweit sind. Sie zeichnen den Weg, den wir einschlagen. Wenn sie international solidarisch zu einer gesamtgesellschaftlichen Resilienz beitragen, die Klima- und Biodiversitätskrise bekämpfen, Ungleichheiten reduzieren und Gesundheitssysteme stärken, dann können sie den Weg zum Erreichen der Klimaziele bahnen.

Originalquelle: https://www.faz-institut.de/wp-content/uploads/sites/2/2021/02/Bals-Bungard-Schmidpeter-V-01-2021.pdf

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