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22/12/2020

Gesellschaftliche Herausforderungen der nachhaltigen Transformation?

Christophe Funk

 

Um die Herausforderungen der nachhaltigen Transformation zu verstehen, können verschiedene Ansichten eingebracht werden. Zum einen die des Sozialphilosophen Jürgen Habermas. Schwerpunkt seiner Forschung war die Legitimationskrise. Der Ausgangspunkt für seine Annahmen ist die Aussage von Karl Marx in seinem 1867 veröffentlichten Buch ‚Das Kapital‘:

Der Kapitalismus ist anfällig für ökonomische Krisen

Dass dies der Fall ist zeigten bereits etliche Wirtschaftskrisen, wie der Börsencrash 1929, die Dotcom Blase 2000 oder auch die aktuelle Wirtschaftskrise die durch die Covid-19 Pandemie entstanden ist. Hierbei greift nun die Theorie von Habermas, die aussagt, dass ökonomische Krisen unmittelbar zu gesellschaftliche Krisen werden können.

Aufgrund des kapitalistischen Systems muss die Politik auf diese Wirtschaftskrisen reagieren. Diese politischen Maßnahmen haben selbstverständlich schwerwiegendere Verläufe der Krisen verhindert, jedoch gibt es hierbei öfters Konflikte mit der Gesellschaft. Ausgangspunkt dieses Konfliktes ist, dass der Staat im kapitalistischen System als Manager der freien Marktwirtschaft agiert. Auf der anderer Seite hingegen muss er auch die daraus resultierenden ökonomischen Herausforderungen lösen, während er demokratische Prozesse gewährleisten und die Zustimmung seiner Wähler behalten muss.

Wird dieses Gleichgewicht nicht gewahrt, können Bürger dieser Gesellschaft die Regierung in Frage stellen und es kommt zu Demonstrationen und Protesten. Der Staat muss also versuchen die Ziele des Kapitalismus als auch die Unterstützung der Massen in Balance zu halten.

„Wie kämen wir Zurecht ohne eine Kultur?“

Ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft ist seine Kultur. Wie wichtig dieser Bestandteil einer Gesellschaft ist erläuterte Mary Midgley in ihrem 1978 erschienenen Buch „Beast and Man“. Hauptidee ihrer Forschung war es, den Menschen in seinen Gleichheiten und Unterschieden zu anderen Lebewesen zu analysieren. So hebt sie hervor, dass Natur und Kultur nicht als gegensätzlich angesehen werden können. Auch hier sollte das Trade-Off Denken überwunden werden. In vielen evolutionsbiologischen Theorien wird Kultur als Weiterentwicklung oder als der Natur überlegen gesehen. Midgleys Ansatz hingegen geht davon aus, dass Kultur ein Naturphänomen ist. Die Menschen haben in ihrer Evolution also eine Weiterentwicklung in Richtung Kulturkreation erlebt. Bildlich gesprochen nutzt die Wissenschaftsphilosophin die Netzbaukunst von Spinnen. Diese Insektenart hat gelernt, wie sie perfekte Netzen spinnen kann um zu überleben, der Mensch hingegen „spinnt sich Kulturen“ um zu überleben.

Diese Sichtweise ist aber keine neue. Bereits Aristoteles sagte, dass der Mensch ein ‚politisches Wesen‘ sei. Dies sagt aus, dass der Mensch zum einen nach der Aufteilung von Lebewesen nach Aristoteles, natürliche Lebewesen und zugleich auch Schöpfer von Kultur sind. So sagen beide Philosophen aus, dass der Mensch ohne eine Kultur die durch gemeinsame Normen und Werte entsteht, in seiner Entwicklung nicht voran kommt beziehungsweise sich verändern kann.

„Die Bindungen innerhalb unserer Gemeinschaften sind verkümmert“

So bietet die Forschung von Robert Putnam ebenfalls die Möglichkeit, die große Herausforderung dieses Wandels zu erläutern. Der Soziologe befasste sich mit dem Sozialkapital. Es besteht aus 3 Arten von Verbindungen 1) ‚Bindungen‘ auf Basis des Bewusstseins gemeinschaftlicher Identitäten 2) ‚Brücken‘ die darüber hinaus zu Kollegen und Bekannten geschlagen werden sowie 3) ‚Verknüpfungen‘ zu Individuen oder Gruppen die ober und unterhalb der eigenen gesellschaftlichen Position sind.

Dieses Modell setzte Putnam ein, um die aktuellen Gesellschaften zu analysieren. So zeigte sich, dass diese 3 Verbindungen, besonders die ‚Brücken‘ zu anderen Gruppen, abnahmen. So fiel auf, dass Stadtteilnachbarschaften und Verbindungen innerhalb der eigenen Region weniger wurden und weniger Zeit mit Freunden, Nachbarn und Verwandten verbracht wurde. Dies führte dazu, dass Menschen sich weniger in freiwilligen bürgerschaftlich organisierten Initiativen engagierten.

Das Sozialkapital besteht aus dem Bewusstsein einer gemeinschaftlichen Identität aus gemeinsamen Werten und Normen, wie beispielsweise Vertrauen, Wohlwollen und Gemeinschaft. Diese Bindungen waren ausschlaggebend für freiwillige Zusammenschlüsse und zivilgesellschaftliche Institutionen die ganze Gesellschaften zusammenhalten. Auf der anderen Seite zeigte sich jedoch, dass der Lebensstil immer individueller verläuft, sodass Abstand von öffentlichen Angelegenheiten genommen wird.

Natürlich gibt es auch noch weitere Aspekte die in diese Diskussion mit einfließen und gerade dies zeigt das Hauptproblem bei der nachhaltigen Transformation. Die Gesellschaften sind komplexer denn je und es müssen viele Perspektiven und Ansätze zusammenkommen um eine solche Herausforderung zu meistern. So stehen wir aktuell aufgrund der Covid-19 Pandemie an einem neuen 0-Punkt den es gilt zu nutzen, um eine neue nachhaltige Wirtschaft aufzubauen. Darüber hinaus wurden etliche gesellschaftliche Probleme in den letzten Monaten nochmals verstärkt aufgewirbelt und es gilt diese auch als Gemeinschaft zu lösen. So muss die Diversität der Gesellschaft genutzt werden, um auch eine ganzeinheitliche Lösung für diese bedeutende Herausforderung herauszuarbeiten. Nur so kann die nachhaltige Transformation gesellschaftlich verankert und auf die Wirtschaft übertragen werden.

 

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