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08/01/2019

Nachhaltigkeit trifft Erfolg

Prof. René Schmidpeter

**Nachhaltigkeit trifft Erfolg **

**Mit gesellschaftlichem Engagement Geld verdienen / Neue Sichtweisen werden populär **

Wir stehen vor der vermutlich größten Transformation unserer Gesellschaft, und sie betrifft alle Bereiche: Wirt­schaft, Politik, Bildung und Zivilgesellschaft. Dieser Wandel kann nur gelingen, wenn wir in der Diskussion um „Nachhaltigkeit“ Neues wagen und neu über das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Gesellschaft nachdenken. Vie­le Wirtschaftsethikprotagonisten verschanz­ten sich in den vergangenen Jahrzehnten gemütlich in ihrer „Komfortzone“ – sie erklär­ ten sich einfach zu Verteidigern des Gemein­wohls oder zu Kämpfern gegen die „böse“ Wirtschaft. Dementsprechend eintönig waren die meisten Diskussionen der letzten 30 Jahre zwischen Wirtschaftsvertretern und ihren Kritikern.

Diejenigen, die reine Profitmaximierung predigten, lebten ganz gut davon, aber auch deren Kritiker, die gegen die vermeintlich „bösen“ Wirtschaftsinteressen kämpften, si­cherten sich damit insgeheim ihre jeweils eigenen Interessen und Pfründe. Statt Brücken zu bauen, trieben sowohl die alten Ma­nagementvertreter als auch einige Nachhal­tigkeitsvertreter die gesellschaftliche Spal­tung weiter voran. Denn beide Argumentati­onslinien basieren meist auf einem konstruierten Gegensatz zwischen Profitabi­lität und Nachhaltigkeit. Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir derzeit vor einem Scherbenhaufen der öffentlichen Diskussion in Sachen nachhaltiges Wirtschaften stehen – auf der einen Seite die vermeintlich konse­quenten, aber meist moralisierenden Nach­haltigkeitsvertreter, auf der anderen Seite die Verfechter eines überholten Manage­mentdenkens à la „anything goes“. So for­dern die selbsternannten Kämpfer für das Gute weiterhin konsequent und immer lau­ter Verzicht und Moral, die anderen, die sich als Verteidiger des Status quo sehen, wollen hingegen die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen mit immer mehr Wachs­tum und Effizienz lösen.

In dieser festgefahrenen Diskussion zeigt sich nun ein Silberstreif am Horizont. Wie im­mer kommt die Lösung in erlahmten intellek­tuellen Diskussionen von Querdenkern und Change­Makern, die sich nicht an alte Kon­zepte und Paradigmen halten. Pragmatische Unternehmer, die neue Geschäftsmodelle entwickeln, welche hoch profitabel sind, weil sie der Gesellschaft nützen. Investoren, die immer mehr erkennen, dass Investitionen in genau solche nachhaltigen Unternehmen nicht weniger, sondern einen höheren Return on Investment erzielen. Junge BWL­Studie­rende, die sich nicht länger zwischen Karriere und einem Leben mit Werten entscheiden,

sondern mit Sinn und positivem gesellschaft­lichen Impact gutes Geld verdienen wollen. Und junge Professoren, die die alten Annah­men der Betriebswirtschaftslehre konsequent hinterfragen. All diesen Change­Makern ist eines gemein: Statt in Knappheiten zu den­ken, sehen sie die Fülle der unternehmeri­schen Möglichkeiten und die systemische Verbindung von wirtschaftlichen Erfolg und Nachhaltigkeit, um positiv für andere zu wir­ken und gleichzeitig Profite zu maximieren.

Erste Zeichen dieses Paradigmenwandels sind nun auch in der Nachhaltigkeitsdiskussi­on zu erkennen, wenn zum Beispiel John El­kington öffentlich sein weltbekanntes Kon­zept der Triple­-Bottom­-Line kritisch hinter­ fragt. Es ist nunmehr 25 Jahre her, seit das Triple­-Bottom-­Line­-Konzept entwickelt wur­de. Es sind viele positive Entwicklungen dar­aus entstanden, zum Beispiel die Global Re­porting Initiative, der Dow Jones Sustainabi­lity etc. Aber die wirtschaftlichen Systeme und Paradigmen als solche haben sich nicht wesentlich verändert. So hat der Klimawandel sogar noch an Schnelligkeit zugenommen. Daher die Frage: Ist es den alten Nachhaltig­keitskonzepten gelungen, das Wirtschaftssy­stem positiv zu verändern? John Elkington fragt sich 25 Jahre später: „Wenn nicht das Konzept der Triple­-Bottom-­Line die Wirt­schaft verändern kann – was dann?“ Um die­ se Frage zu beantworten, hinterfragen Vorrei­ter der Nachhaltigkeitsszene erneut grundle­gend das Verhältnis von Wirtschaft und Ge­sellschaft.

Ed Freeman, Professor für Business Ethics an der Darden School der University of Virgi­nia und Begründer des Stakeholder­ Ansatzes, glaubt, dass der gegenwärtige Kapitalismus sich verändern wird – zumindest in der näch­sten Generation. Die gegenwärtigen Diskus­sionen eines Paradigmenwechsel drehen sich seiner Meinung nach um fünf Kernpunkte:

1: Die Bedeutung des Zwecks (engl. purpose) eines Unternehmens.

2: Die Erfolgswirksamkeit von Werten und Ethik.

3: Wertschöpfung für alle Stakeholder und nicht nur für die Shareholder.

4: Die wechselseitige Abhängig­keit aller Stakeholder.

5: Unternehmen als Teil der Gesellschaft und nicht nur als Akteur auf einem illusionären „Markt“.

Freeman sieht „Unternehmertum dabei als Chance, die Welt positiv zu verändern“, und sagt voraus, dass immer mehr Investoren in nachhaltige Unter­nehmen investieren. Wayne Visser, Professor an der Antwerpener Management School, entwickelte das Konzept der integrativen Wertschöpfung. Diese muss in Zukunft

er­stens sicher,

zweitens smart,

drittens geteilt (engl. shared),

viertens nachhaltig und

fünf­tens befriedigend (engl. satisfying) für alle sein.

Mit diesem neuen Ansatz soll es gelin­gen, den Paradigmenwechsel in der Wirtschaft einzuläuten.

All diese tiefgreifenden Gedanken bewegen derzeit nicht nur die Wirtschaft und die zu­grundeliegende Betriebswirtschaftslehre, sondern auch die Nachhaltigkeitsszene, die sich aus ihrer Komfortzone hinausbewegen muss. Dazu braucht es auch eine neue Art von Leadership, die nicht in Knappheiten, sondern in Möglichkeiten denkt. Nach Ansicht von Debbie Haski­Leventhal, Professorin an der Macquarie Universität in Australien, sollte die zukünftige Unternehmensführung werteba­siert und zweckgetrieben sein. Und auch die Managementansätze des Center for Advan­ced Sustainable Management (CASM) in Köln zielen darauf ab, den eigenen Nutzen gemein­sam mit den Stakeholdern zum wechselseiti­gen Vorteil zu erhöhen.

Kooperation in einer Welt voller Möglichkei­ten wird damit zum entscheidenden Element, um gemeinsam Mehrwert zu generieren. Um dieses neue Paradigma des „nachhaltigen Ma­nagements“ zu verwirklichen, gilt es, die Ge­genwart nicht länger aus der Vergangenheit zu denken. Es geht nicht mehr darum, nächstes Jahr fünf Prozent effizienter zu werden und/ oder den Umsatz um drei Prozent zu steigern. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie kann ich den Output erhöhen und gleichzeitig den Input senken. Es hilft dann auch nicht, dieses veraltete Managementparadigma durch ein Nachhaltigkeitsmanagement zu ergänzen. Vielmehr gilt es, kreativ neue Möglichkeitsräu­me ohne Gegensatzdenken zu entwickeln und darin systematisch unternehmerisch positiven Impact zu generieren. Dazu braucht es eine ganz neue Perspektive, die die Gegenwart von der Zukunft aus denkt. „Wir benötigen dafür eine Vision, in welcher Welt wir leben wollen, welcher Impact jedes einzelnen Unternehmens dafür notwendig ist,“ sagt Patrick Bungard, Gründer der M3TRIX GmbH und Mitorganisa­tor der CSR­Managementkonferenz der Co­logne Business School in Köln.

Alle diese Fragen bilden eine ganz neue Grundlage für die Managementlehre und überwinden damit auch den oft konstruierten Gegensatz zwischen Investoren und Gesell­schaft. Dank der Erkenntnisse aus Big Data und künstlicher Intelligenz steigt nun auch die Nachfrage der Investoren nach Unterneh­men mit nachhaltigen Geschäftsmodellen massiv an, so Georg Kell von Arabesque Partners und Protagonist bei den Principles for Responsible Investment, der Sustainable Stock Exchange und den Principles for Re­sponsible Management der UN. Als eine Her­ausforderung gilt aber immer noch, dass vie­le Aufsichtsräte mit dem Thema Nachhaltig­keit derzeit nicht vertraut sind und oft noch dem Paradigma des Industriezeitalters folgen. Aber auch hier zeichnet sich eine Verände­rung ab: Große Investoren unterstützen im­ mer deutlicher das neu entstehende Manage­mentparadigma und fordern die Unterneh­menslenker zum Umdenken auf. So verlaut­barte BlackRock­CEO Larry Fink jüngst, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre Investoren den gesellschaftlichen Impact eines Unternehmens sowohl auf die Gesellschaft als auch auf die Umwelt messen werden, um so den Wert eines Unternehmens zu ermitteln. Damit wäre dann auch der Shareholder ­Stakehol­der ­Gegensatz endgültig aufgelöst. Studien führender Universitäten untermauern zudem dieses neue integrative Verständnis eines nachhaltigen Managements, welches derzeit sowohl alte Management­ als auch Nachhal­tigkeitsansätze revolutioniert. So ist auch Robert G. Eccles, Professor of Management Practice an der Oxford University, davon überzeugt, „dass die Kapitalmärkte der Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung sind, und der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt dar­in, sie soweit wie möglich dazu zu befähigen. Dies erfordert ein Engagement von Unterneh­men, Investoren und der öffentlichen Hand.“

In Zukunft werden diese neuen Sichtwei­sen wohl an immer mehr Business Schools und Wirtschaftsuniversitäten vermittelt und neue Managementansätze gelehrt, um die nächste Führungsgeneration rechtzeitig auf die neuen Rahmenbedingungen in den Un­ternehmen vorzubereiten.

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